Karl Marx wird 200 Teil I Eine neue Biografie

Karl Marx wird 200 (Teil I)
Eine neue Biografie

Manuel Kellner

Karl Marx war dafür, „alle Ver­hält­nisse umzuw­er­fen, in denen der Men­sch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein ver­lassenes, ein verächtlich­es Wesen ist.“ Aktuell bleibt auch seine Kri­tik der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­sweise, die „die Erde und den Arbeit­er unter­gräbt“. Immer bere­it an allem zu zweifeln, ver­di­ent er nicht zum Säu­len­heili­gen gemacht zu wer­den. Sein Konzept der Selb­st­be­freiung der Arbei­t­erIn­nen­klasse als Mit­tel uni­ver­saler Emanzi­pa­tion bleibt allerd­ings entschei­den­der Bestandteil des rev­o­lu­tionären Kampfs für eine weltweite sozial­is­tis­che Gesellschaft.

Das Kapital als Sparbüchse. Foto: Avanti².

Das Kap­i­tal als Spar­büchse. Foto: Avan­ti².

Karl Marx wurde immer wieder zum „toten Hund“ erk­lärt oder wahlweise zum Ver­ant­wortlichen für den Gulag. Doch immer,  wenn spek­takuläre Krisen auftreten, ist seine Kri­tik der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­sweise wieder in aller Munde. Seit 2013 gehören das Kom­mu­nis­tis­che Man­i­fest und Das Kap­i­tal gar zum Welt­doku­mentenerbe der UNESCO. Im Jan­u­ar 2017 stellte Die Zeit in großen Let­tern auf der Titel­seite die Frage: „Hat­te Marx doch recht?“

Seit den let­zten Jahrzehn­ten des 19. Jahrhun­derts haben sich sozial­is­tis­che Linke auf Marx berufen, die offizielle „kom­mu­nis­tis­che Welt­be­we­gung“ hat später ihn und seinen eng­sten Kampfge­fährten und Fre­und Friedrich Engels gar zu Säu­len­heili­gen gemacht und ihre Schriften kanon­isiert. Ein Zitat von ihnen war schon ein Argu­ment, und Zitate ließen sich viele find­en, um je nach Tages­be­darf diese oder jene Behaup­tung zu bekräfti­gen. „Abwe­ich­ler“ von der „reinen Lehre“ des „Marx­is­mus-Lenin­is­mus“ ver­fie­len dem Bann wie die Häretik­er der einzig selig­machen­den katholis­chen Kirche.

An allem ist zu zweifeln.“
Ger­ade zum wirk­lichen Karl Marx passt diese Kanon­isierung über­haupt nicht. Seine Wahlsprüche waren „An allem ist zu zweifeln.“ und „Nichts Men­schlich­es ist mir fremd.“ (also auch nicht der Irrtum).

Sein Leben lang war er unzufrieden mit allem, was er mit wis­senschaftlichem Anspruch zu Papi­er brachte. Er warf es immer wieder um, trieb weit­ere Nach­forschun­gen, schrieb eine neue Fas­sung, um diese als­bald wieder zu ver­w­er­fen. Ger­ade deshalb trieb er seine Mit­stre­it­er oft zur Verzwei­flung, weil er so gut wie nie „fer­tig“ wurde wegen sein­er bis zur Manie gesteigerten Selb­stkri­tik. Viele sein­er uns noch heute als grundle­gend erscheinen­den Schriften wie etwa die The­sen zu Feuer­bach, die Deutsche Ide­olo­gie oder die Kri­tik des Gothaer Pro­gramms wur­den erst nach seinem Tod veröf­fentlicht. Er selb­st hat­te sie lieber der „nagen­den Kri­tik der Mäuse“ über­lassen.

Der Autor der neuen Biografie von 2017, Jür­gen Neffe,* betont die Aktu­al­ität von Karl Marx. Solange es die kap­i­tal­is­tis­che Klas­sen­ge­sellschaft gibt, bleibe deren Kri­tik durch Marx grundle­gend.
Neffe behan­delt das Werk von Marx recht tre­f­fend. Neben der Würdi­gung bril­lanter poli­tis­ch­er Schriften und Wort­mel­dun­gen wie dem 18. Bru­maire des Louis Bona­parte und dem Bürg­erkrieg in Frankre­ich gibt er auch eine aus­führliche Darstel­lung der Kri­tik der poli­tis­chen Ökonomie von Marx, die zugle­ich Kri­tik der klas­sis­chen Volk­swirtschaft­slehre und der kap­i­tal­is­tis­chen Klas­sen­ge­sellschaft war.
Wenn heute riesige Kap­i­tal­ien der materiellen Pro­duk­tion ent­zo­gen und speku­la­tiv investiert wer­den, so hat Marx bere­its die dazu führen­den Ten­den­zen der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­sweise aufgedeckt.

Massenopfer für den Kap­i­tal­is­mus
Was ist damals wie heute? Jür­gen Neffe fasst das wieder­holt in ver­schieden­er Weise zusam­men. Eine dieser Textpas­sagen lautet wie fol­gt:

Auf dem Altar des Kap­i­tals wird nicht nur Lebensen­ergie von Mil­liar­den geopfert, die den Preis in Form von Schmerzen, Erschöp­fung, Angst und Depres­sion zu zahlen haben. Die Schlacht­bank der per­pe­tu­ierten Ver­schul­dung, öffentlich wie pri­vat, fordert vielerorts in der Welt Aber­tausende Men­schen­leben in Berg­w­erken, Tex­til­fab­riken oder Mon­tagetür­men zur High­tech-Fer­ti­gung, von deren Däch­ern sich verzweifelt ‚Mitar­beit­er’ in den Tod stürzen. Und: Armut verkürzt das Wertvoll­ste, was Men­schen besitzen, ihre Leben­szeit.“ (S. 378.)

Kap­i­tal­is­muskri­tik ohne Marx ist auch heute noch wie Entwick­lungs­bi­olo­gie ohne Dar­win oder Physik ohne Ein­stein. Doch auch zur Frage der Alter­na­tive schreibt Jür­gen Neffe erstaunlicher­weise trotz allen Scheit­erns des soge­nan­nten realen Sozial­is­mus im 20. Jahrhun­dert: „Bessere Antworten als Marx haben wir bis heute nicht gefun­den.“

* Jür­gen Neffe, Marx, Der Unvol­len­dete, München 2017.

aus der Oberhausener Beilage zur Avanti, Januar/Februar 2018

 

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