Karl Marx wird 200 (Teil II) Ein bestimmtes Menschenbild

Karl Marx wird 200 (Teil II)
Ein bestimmtes Menschenbild

Manuel Kellner

Karl Marx – verfremdet von Bernd Köhler.

Karl Marx – ver­fremdet von Bernd Köh­ler.

Jed­wede Auflehnung gegen Unter­drück­ung wäre sinn­los, wenn das Bedürf­nis, andere Men­schen auszubeuten dem Men­sch­sein wesentlich zuge­hörte. Ein anderes  Men­schen­bild ist voraus­ge­set­zt, um sich über Ver­hält­nisse zu empören, in denen Men­schen einan­der bekämpfen, bekriegen, ver­sklaven und aus­nutzen.
Für den Philosophen Lud­wig Feuer­bach war der Men­sch grundle­gend gut. Auch wenn er böse ist, han­delt er doch gegen das, was er selb­st für gut hält: Heuchelei ist darum die Ver­beu­gung des Lasters vor der Tugend. Für Karl Marx hinge­gen sind die Men­schen zu allem fähig, im Guten wie im Schlecht­en: Sie brauchen men­schliche Ver­hält­nisse um sich men­schlich zu ver­hal­ten.
Mit dem Aufkom­men der gesellschaftlichen Arbeit­steilung, die den einzel­nen Men­schen Berufe zuweist und sie damit lebenslänglich an die Ausübung ein­er ganz bes­timmten Art von Tätigkeit ket­tet, begin­nt für Karl Marx die Ent­frem­dung:


„Sowie näm­lich die Arbeit verteilt zu wer­den anfängt, hat Jed­er einen bes­timmten auss­chließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufge­drängt wird, aus dem er nicht her­aus kann; er ist Jäger, Fis­ch­er oder Hirt oder kri­tis­ch­er Kri­tik­er und muss es bleiben, wenn er nicht die Mit­tel zum Leben ver­lieren will – während in der kom­mu­nis­tis­chen Gesellschaft, wo jed­er nicht einen auss­chließlichen Kreis der Tätigkeit hat, son­dern sich in jedem beliebi­gen Zweige aus­bilden kann, die Gesellschaft die all­ge­meine Pro­duk­tion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, mor­gen jenes zu tun, mor­gens zu jagen, nach­mit­tags zu fis­chen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kri­tisieren, wie ich ger­ade Lust habe, ohne je Jäger, Fis­ch­er, Hirt oder Kri­tik­er zu wer­den.“ (MEW 3, Die deutsche Ide­olo­gie, S. 33.)
Die Freien der griechis­chen Stadt­staat­en trieben Poli­tik, Philoso­phie, Kün­ste und Sport. Sie betätigten ihre kör­per­lichen und geisti­gen Kräfte um glück­lich zu sein. Materielle Grund­lage dafür war die Arbeit der Sklaven. In den späteren Klas­sen­ge­sellschaften waren die Pro­duzentin­nen und Pro­duzen­ten eben­falls von den „höheren“ Tätigkeit­en aus­geschlossen.

Karl Marx Vorstel­lung von ein­er kom­mu­nis­tis­chen Gesellschaft sah die freie Ent­fal­tung der men­schlichen Anla­gen für alle Mit­glieder der Gesellschaft vor. Dafür ist ein hohes Niveau der Arbeit­spro­duk­tiv­ität nötig, um die Arbeit­szeit radikal zu verkürzen. Frei ver­füg­bare Zeit betra­chtete Marx als den „eigentlichen Reich­tum“.
„Das Reich der Frei­heit begin­nt in der Tat erst da, wo das Arbeit­en, das durch Not und äußere Zweck­mäßigkeit bes­timmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jen­seits der Sphäre der eigentlichen materiellen Pro­duk­tion.“ (MEW 25, Das Kap­i­tal, Bd. 3, S. 873.)

Wo die kreative Tätigkeit Selb­stzweck ist, entwick­elt sich die eigentliche men­schliche Pro­duk­tiv­ität. Die verbleibende Pflichtar­beit, aufgeteilt auf alle arbeits­fähi­gen Men­schen, so sehr sie auch „human­isiert“ wird, kann hinge­gen nie als wirk­lich freie Betä­ti­gung emp­fun­den wer­den. Wenn die – ihrer Natur nach begren­zten – materiellen Bedürfnisse für alle reich­lich befriedigt wer­den, ver­lagert sich die men­schliche Tätigkeit und Bedürfnis­struk­tur weg von der Pro­duk­tion von Sachen.
Im „Kom­mu­nis­tis­chen Man­i­fest“ heißt es: „An die Stelle der alten bürg­er­lichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klas­sen­ge­gen­sätzen tritt eine Assozi­a­tion, worin die freie Entwick­lung eines jeden die Bedin­gung für die freie Entwick­lung aller ist.“ (MEW 4, Man­i­fest der Kom­mu­nis­tis­che Partei, S. 482.)

Woher wis­sen wir von der Pro­duk­tiv­ität der freien Selb­stent­fal­tung und dem Glück, das sie ver­schafft? Von der Selb­stvergessen­heit eines Kinds im Spiel und von Erwach­se­nen, die voller Elan ihrem lieb­sten Hob­by nachge­hen.

aus der Oberhausener Beilage zur Avanti, März 2018
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