Kli­ma­not­stand? In Ober­hau­sen!?

Der Rat der Stadt Ober­hau­sen hat erneut die Erwar­tung ent­täuscht, dass von die­sem Gre­mi­um wich­ti­ge Impul­se aus­ge­hen und drän­gen­de Pro­ble­me wir­kungs­voll ange­gan­gen wer­den. Auch Kli­ma­schutz bleibt also Hand­ar­beit – und fin­det auf der Stra­ße statt.


ISO Ober­hau­sen & Freund*innen

Ende Gelände „Goldener Finger“, Garzweiler, 22. Juni 2019. Foto: R. Hoffmann.

Ende Gelän­de „Gol­de­ner Fin­ger“, Garz­wei­ler, 22. Juni 2019. Foto: R. Hoff­mann.

Schon im Febru­ar die­ses Jah­res hat der Stadt­rat die Unter­stüt­zung der Initia­ti­ve See­brü­cke abge­lehnt. Mit der Annah­me eines belang­lo­sen Gegen­an­trags von CDU und SPD hat eine Rats­mehr­heit ver­hin­dert, dass Ober­hau­sen gemein­sam mit damals 43 ande­ren deut­schen Städ­ten ein Zei­chen gegen die Unmensch­lich­keit setzt und für die Been­di­gung des Ster­bens im Mit­tel­meer und die Kri­mi­na­li­sie­rung zivi­ler See­not­ret­tung ein­tritt. Inzwi­schen sind 72 Städ­te allein aus Deutsch­land bei der See­brü­cke dabei.  

Bei der Rats­sit­zung am 8. Juli ging es erneut um eine exis­ten­zi­el­le Fra­ge mit hohem Hand­lungs­be­darf. Wie bei der See­brü­cke gab es einen sowohl im Rat als auch von außer­par­la­men­ta­ri­schen Initia­ti­ven breit getra­ge­nen Antrag, der erneut zuguns­ten eines unver­bind­li­chen Gegen­an­trags von CDU und SPD abge­lehnt wur­de. Mit den Stim­men von SPD (23), CDU (20), FDP (2) und BOB (2).  Foto: Avanti O.

Mit der Bezeich­nung der aktu­el­len Lage als „Kli­ma­not­stand“ hat­ten die­se Rats­mit­glie­der erklär­ter­ma­ßen Pro­ble­me. Mit dem fort­schrei­ten­den Kli­ma­wan­del an sich und sei­nen kata­stro­pha­len Fol­gen kön­nen sie aber offen­bar ganz gut leben.
Andrea Berg von Par­ents for Future Ober­hau­sen beschreibt in ihrem Arti­kel anschau­lich, was für eine trost­lo­se Debat­te sei­tens der Rats­mehr­heit geführt wur­de. Und mit was für einer fla­chen Begrün­dung die Mehr­heit der Mit­glie­der des Gre­mi­ums sich wei­gert, wirk­sa­me Maß­nah­men zum Kli­ma­schutz ein­zu­lei­ten. Kli­ma­schutz ist kon­kret, oder er ist gar nicht.

Feh­len­der Mut – oder feh­len­der Wil­le?
Ihre Ein­schät­zung, dass es der Mehr­heit der Rats­mit­glie­der an Mut feh­le, tei­len wir aller­dings in die­ser Form nicht.
Es kann schon sein, dass es den Betref­fen­den auch an Mut man­gelt: Dass sie Angst haben, ihren Blick­win­kel zu erwei­tern und ihre alten Gewiss­hei­ten zu ver­lie­ren; Angst haben vor dem Ver­lust von Anse­hen, wenn sie sich gegen ihr sozia­les Umfeld posi­tio­nie­ren.
Ist es aber nicht eher so, dass sie ledig­lich ihre Prio­ri­tä­ten anders set­zen? Weil sie sich nicht in ers­ter Linie von der Fra­ge „Wie unse­re Lebens­grund­la­gen erhal­ten?“, son­dern von der kapi­ta­lis­ti­schen Logik lei­ten las­sen?

Was Andrea Berg hier schreibt, deu­tet in die­se Rich­tung:
„Im Ände­rungs­an­trag selbst ist trotz aller Ände­run­gen deut­lich for­mu­liert: ‚… dass der von Men­schen ver­ur­sach­te Kli­ma­wan­del gra­vie­ren­de Aus­wir­kun­gen ver­ur­sacht – bis hin zu einer mög­li­chen Kli­ma­ka­ta­stro­phe, die das Leben auf unse­rem Pla­ne­ten gefähr­det …’ Den­noch stel­len SPD und CDU die bereits unter­nom­me­nen Anstren­gun­gen in den Vor­der­grund und ver­wei­sen auf die Kos­ten – ‚Kli­ma­schutz gibt es nicht zum Null­ta­rif’– so der Ände­rungs­an­trag zuge­spitzt.“
Mit ande­ren Wor­ten: Kli­ma­schutz ist für die­se Leu­te dann in Ord­nung, wenn er kei­ne Pro­fi­te gefähr­det. Und wenn die gro­ße Mehr­heit, die kei­nen Anteil an den Pro­fi­ten hat, dafür zahlt. Noch bes­ser funk­tio­niert nach die­ser Logik Kli­ma­schutz­po­li­tik, wenn dar­über sogar neue Mög­lich­kei­ten ent­ste­hen, Pro­fi­te zu erzeu­gen. Zum Bei­spiel, wenn Autofahrer*innen man­gels funk­tio­nie­ren­dem ÖPNV gezwun­gen wer­den, kli­ma­schäd­li­che PKW zu erset­zen durch weni­ger kli­ma­schäd­li­che PKW durch noch weni­ger kli­ma­schäd­li­che PKW.

Kei­ne Rol­le spielt in die­ser Logik, dass schnell Maß­nah­men ergrif­fen wer­den, um dem Kli­ma­wan­del effek­tiv ent­ge­gen­zu­wir­ken. Und eben­falls kei­ne Rol­le spielt die Lebens­qua­li­tät der Mehr­heit der Men­schen hier und schon gar nicht anders­wo in der Welt, die unter den Fol­gen des Kli­ma­wan­dels zuneh­mend lei­den.
Bei den Kon­se­quen­zen aus der Rats­ent­schei­dung sind wir voll bei Andrea Berg bzw. bei Fri­days for Future und Par­ents for Future Ober­hau­sen: Dran­blei­ben und die Ober­hau­se­ner Poli­tik in die Pflicht neh­men!
Denn wir selbst sind die, auf die wir gewar­tet haben.

aus der Avan­ti O., Juli/August 2019
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