Bun­des­wehr im Krisenstab?

Ant­wort von Kurt-Die­ter Jün­ger auf den Leser­brief von Wil­helm Haus­mann (CDU, MdL NRW), ver­sandt am 21.04.2020 an die Ober­hau­se­ner Lokalpresse.

Oberhausen, April 2020. Foto: Andrea-Cora Walther.

Ober­hau­sen, April 2020. Foto: Andrea-Cora Walther.

Ver­ehr­te Redakteur*innen,
die Betei­li­gung von einem Bun­des­wehr­an­ge­hö­ri­gen im ört­li­chen Kri­sen­stab bedarf einer ein­deu­ti­gen Erklä­rung. Wir befin­den uns zur Zeit zum Glück weder im Bür­ger­krieg noch im Krieg um Toi­let­ten­pa­pier oder Atem­schutz­mas­ken. Die BRD befin­det sich höchs­tens in einem „medi­zi­ni­schen – seku­ri­tä­ren Not­stand“. Die vie­len Hel­fer von Pfle­ge­kräf­ten, Ärz­ten und Frei­wil­li­gen geben ihr Äußers­tes, auch ohne Tages­be­fehl und Flag­gen­pa­ra­den (sie­he Die Zeit Nr. 16, S. 47 vom 8. April 2020, Inter­view mit dem Phi­lo­so­phen Peter Sloterdijk).

Die Betei­li­gung des Mili­tärs dient ledig­lich dazu, im öffent­li­chen Raum das Mili­tä­ri­sche zu Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten und zur Nor­ma­li­tät erklä­ren zu kön­nen. Bahn­frei­fahr­ten für Mili­tär­an­ge­hö­ri­ge gehö­ren in die glei­che Kate­go­rie, eben­so wie die Wer­bung um Rekru­ten in Schulen.
Die dra­ma­ti­schen Grund­rechts­ein­schrän­kun­gen – bei allem Ver­ständ­nis – bedür­fen der par­la­men­ta­ri­schen Kon­trol­le. Vie­le Bun­des­ver­fas­sungs­rich­ter und eben­so etli­che Poli­ti­ker (z .B. Herr Baum, FDP) sehen die feh­len­de par­la­men­ta­ri­sche Kon­trol­le der Exe­ku­ti­ve und haben sie schon mehr­fach kri­ti­siert. Umso erschre­cken­der ist es, wenn Dilet­tan­ten das demo­kra­ti­sche Kon­troll­recht auf das Dümms­te in Zwei­fel ziehen.

Die Stun­de der Wahr­heit, der Demo­kra­tie, der EU und der Soli­da­ri­tät schlägt nach Been­di­gung der Coro­na-Kri­se. Der kos­ten­lo­se Applaus für die vie­len unter­be­zahl­ten, sys­tem­re­le­van­ten Pfle­ge­kräf­te und ande­ren soll­te ihnen spä­tes­tens dann in Euro heim gezahlt werden.
Die end­gül­ti­ge Abkehr von der Just-in-time-Öko­no­mie und die Stär­kung der eige­nen öko­no­mi­schen Wider­stands­kraft, genannt Resi­li­enz, in Form von gesi­cher­ten Lie­fer­ket­ten, der Ver­sor­gung mit aus­rei­chen­dem Bet­ten, gut aus­ge­bil­de­ten und bezahl­ten unver­zicht­ba­ren sys­tem­re­le­van­ten Per­so­nen ist daher zwin­gend erforderlich.
Eine ver­pflich­ten­de ein­jäh­ri­ge Aus­bil­dung zum Pfle­ge­hel­fer nach dem Schul­ab­schluss statt Mili­tär­dienst wäre sicher­lich eine gute Alter­na­ti­ve (sie­he Die Zeit Nr. 15, S. 35 vom 2. April 2020, Inter­view mit Herrn Eck­hard Hirschhausen).

Die zähe, lang­wie­ri­ge und hart ver­han­del­te Ret­tung von mög­lichst 50 min­der­jäh­ri­gen Mäd­chen von den cir­ca 40.000 Coro­na-gefähr­de­ten Flücht­lin­gen auf wun­der­schö­nen, son­ni­gen, grie­chi­schen Inseln steht im kras­sen Wider­spruch zu umge­hend ein­ge­flo­ge­nen 40.000 Erntehelfern.
Die­ser Zynis­mus ist kei­nes­falls zu über­bie­ten. Der unbe­küm­mer­te Spar­gel­es­ser soll­te wis­sen, dass dut­zen­de deut­sche Groß­städ­te und eini­ge Bun­des­län­der bereit sind, Geflüch­te­te auf­zu­neh­men, um damit Huma­ni­tät und Soli­da­ri­tät sicht­bar zum Aus­druck zu brin­gen. Wohl­wis­sent­lich wür­de ihnen der Spar­gel ver­mut­lich nicht mehr schmecken.
Wir kön­nen nur hof­fen, und soll­ten uns tag­täg­lich dafür ein­set­zen, dass die anste­hen­den glo­ba­len Kon­flik­te, spe­zi­ell in Afri­ka und Süd­ame­ri­ka, durch Soli­da­ri­tät und finan­zi­el­le Hil­fen und ohne Mili­tär zu lösen sein wer­den, wie es Josep Bor­rell, der de fac­to Außen­mi­nis­ter der EU, ein­for­dert (sie­he Die Zeit Nr. 17, S. 6 vom 16. April 2020, Tele­fon-Inter­view mit Josep Borrell).
Nie wie­der Krieg!

 

Die Vor­ge­schich­te die­ses Leserbriefes

Was hat ein Ver­tre­ter der Bun­des­wehr zu suchen im Kri­sen­stab der Stadt Ober­hau­sen, der zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se ein­ge­setzt wurde? 
Die­se berech­tig­te Fra­ge warf Yus­uf Karace­lik von der Linke.Liste-Ratsfraktion Ende März mit einer Anfra­ge an die Stadt Ober­hau­sen auf. Kri­sen­stabs-Lei­ter Micha­el Jehn trat dar­auf­hin die Flucht nach vor­ne an, skan­da­li­sier­te die kri­ti­sche Nach­fra­ge und lenk­te so von dem eigent­li­chen Skan­dal ab: einem Inlands-Ein­satz der Bun­des­wehr, nicht vom Grund­ge­setz gedeckt und ohne nach­voll­zieh­ba­ren sach­li­chen Grund.
Eine Ant­wort auf die Fra­ge gibt es bis heu­te nicht. Denn um Logis­tik und Res­sour­cen der Bun­des­wehr für Maß­nah­men gegen die Pan­de­mie nut­zen zu kön­nen, braucht es so einen Ver­tre­ter nicht.
In einem Brief an die Ober­hau­se­ner Lokal­pres­se begrün­de­te Cor­ne­lia Schiem­a­now­ski u.a. his­to­risch, war­um die Armee einer strik­ten Zivil­kon­trol­le unter­wor­fen wer­den muss.
Dass man poli­ti­sches Urteils­ver­mö­gen und die Fähig­keit, sach­lich zu argu­men­tie­ren, nicht zwin­gend mit­brin­gen muss, um Kreis­vor­sit­zen­der oder Land­tags­ab­ge­ord­ne­ter einer neo­li­be­ra­len Par­tei zu wer­den, mach­te Wil­helm Haus­mann mit sei­ner Ant­wort auf die­sen Brief deut­lich. Zur Klä­rung der auf­ge­wor­fe­nen Fra­ge trug sein Schrei­ben nicht bei.

aus der Avan­ti O. April - Mai 2020
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