Erklä­rung Grund­rech­te ver­tei­di­gen

Erklä­rung: Demons­tra­ti­ons­recht ver­tei­di­gen!

Demons­tra­ti­ons­recht ver­tei­di­gen!

Auf­ruf zum Wider­stand gegen den Abbau unse­rer demo­kra­ti­schen Grund­rech­te

Von den USA bis zur Tür­kei, von Frank­reich bis Ungarn rücken Regie­run­gen nach rechts, heben durch die Ver­fas­sung gesi­cher­te demo­kra­ti­sche Grund­rech­te auf, ver­bie­ten und unter­drü­cken Pro­tes­te und Streiks und gehen den Weg in einen Poli­zei­staat. Die Regie­rung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land liegt in die­sem Trend: In den letz­ten zwei Jah­ren hat auch sie demo­kra­ti­sche Grund­rech­te von Mil­lio­nen hier leben­den Migrant*innen mas­siv beschnit­ten, ins­be­son­de­re 2016 im Zuge des „Asyl­pa­ket II“; mit ver­fas­sungs­wid­ri­gen Metho­den hat sie vie­le Migran­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen ver­folgt und kri­mi­na­li­siert, bei­spiels­wei­se kur­di­sche und tür­ki­sche Frau­en-, Stu­den­ten- und Arbei­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen wie NAV-DEM, ATIK und YXK.

Seit den jüngs­ten Geset­zes­än­de­run­gen durch die Bun­des­re­gie­rung (u.a. §§113, 114 StGB sowie Mas­sen-Über­wa­chung von WhatsApp/facebook), der Initia­ti­ve zur Ein­schrän­kung des Streik­rechts („Tarif­ein­heit“) und den schwe­ren Grund­rechts­ver­let­zun­gen gegen Demonstrant*innen, Sanitäter*innen, Rechtsanwält*innen und Journalist*innen beim G20-Gip­fel in Ham­burg im Juli 2017 ist es offen­sicht­lich: Nach den Repres­sio­nen gegen Flücht­lin­ge und Migran­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen wer­den der gesam­ten sozia­len Bewe­gung und der gan­zen Bevöl­ke­rung der Bun­des­re­pu­blik grund­le­gen­de demo­kra­ti­sche Rech­te genom­men – ins­be­son­de­re das Recht auf Ver­samm­lungs­frei­heit. 

Schon Wochen vor dem G20-Gip­fel wur­den unver­zicht­ba­re Bestand­tei­le der Ver­samm­lungs­frei­heit wie zen­tra­le Über­nach­tungs­mög­lich­kei­ten in Pro­test­camps ver­bo­ten; geneh­mig­te Camps räum­te die Poli­zei in den Tagen vor dem Gip­fel gegen aus­drück­li­che Gerichts­be­schlüs­se. Die Auf­takt-Demo der Gip­fel­geg­ner am 6.7. wur­de unter Ein­satz von bru­ta­ler Gewalt, mit Was­ser­wer­fern und Schlag­stö­cken poli­zei­lich auf­ge­löst, obwohl von ihr kei­ner­lei Eska­la­ti­on aus­ge­gan­gen war. Dut­zen­de Demons­tran­ten wur­den durch Poli­zei­ge­walt im Lau­fe der Demons­tra­tio­nen schwer ver­letzt. Die Poli­zei griff sogar gekenn­zeich­ne­te Anwält*innen, Sanitäter*innen und Journalist*innen tät­lich an. Mehr als 30 miss­lie­bi­gen Journalist*innen ent­zo­gen die deut­schen Behör­den im Ver­lauf des Gip­fels nach­träg­lich die Arbeits­er­laub­nis vor Ort. Hoch gerüs­te­te Spe­zi­al­ein­hei­ten stürm­ten mit Kriegs­waf­fen in Ham­burg Häu­ser, sie ter­ro­ri­sier­ten gan­ze Stra­ßen­zü­ge, wäh­rend die behaup­te­ten Anläs­se kei­ner Über­prü­fung stand­hal­ten. Pri­vat­woh­nun­gen und Jugend­zen­tren wur­den poli­zei­lich „durch­sucht“ und ver­wüs­tet.

Über 250 Demonstrant*innen wur­den von der Poli­zei unter teils haar­sträu­ben­der Begrün­dung in oft­mals über­fall­ar­ti­gen Sze­nen von ver­mumm­ten Polizeibeamt*innen fest­ge­nom­men und tage­lang unter fol­ter­ähn­li­chen Bedin­gun­gen ihrer Frei­heit beraubt, dar­un­ter fast der gesam­te Jugend­vor­stand der ver.di-Jugend NRW-Süd und ein kom­plet­ter anrei­sen­der Bus der Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on „Die Fal­ken“. Zu den Haft­me­tho­den zähl­ten sys­te­ma­ti­scher Schlaf­ent­zug, Demü­ti­gun­gen und Schlä­ge. Knapp einen Monat nach den Gip­fel­pro­tes­ten dau­ert die Frei­heits­be­rau­bung immer noch an, noch sit­zen 31 Demonstrant*innen in Unter­su­chungs­haft, der größ­te Teil von ihnen aus­län­di­scher Her­kunft. Die mitt­ler­wei­le frei­ge­las­se­nen ver.di-Mitglieder wer­den wei­ter­hin mit mehr­jäh­ri­gen Gefäng­nis­stra­fen bedroht, die mit einer Rei­he von neu­en Geset­zen durch­ge­setzt wer­den sol­len.

Bereits weni­ge Wochen vor dem G20-Gip­fel refor­mier­te die Bun­des­re­gie­rung die §§113 und 114 des Straf­ge­setz­bu­ches („Wider­stand oder tät­li­cher Angriff gegen Voll­stre­ckungs­be­am­te“). Dem­nach droht in die­sem Fall künf­tig eine Min­dest­stra­fe von drei Mona­ten. Für den Vor­wurf des Wider­stands reicht dabei oft schon ein ängst­lich weg­ge­zo­ge­ner Arm. Zudem wur­de der Kata­log für beson­ders schwe­re Fäl­le, die mit sechs Mona­ten Min­dest­stra­fe belegt sind, erwei­tert: Künf­tig reicht dafür u.a. auch die so genann­te gemein­schaft­li­che Tat­aus­füh­rung – doch wel­che Demons­tra­ti­on, wel­cher Streik erfolgt nicht gemein­schaft­lich?

Die­se Geset­zes­än­de­run­gen wer­den das gesam­te Demons­tra­ti­ons­ge­sche­hen in Deutsch­land nach­hal­tig ver­än­dern. Wenn jeder Demons­trant Angst haben muss, z.B. im Fal­le eines Hand­ge­men­ges hin­ter Git­tern zu lan­den – und zwar auch, wenn es von der Poli­zei aus­ging – wer­den sich vie­le von der Teil­nah­me an Kund­ge­bun­gen, Demos oder Streiks abge­schreckt sehen. Die der­zei­ti­gen Geset­zes­än­de­run­gen gehö­ren zu den tiefs­ten Ein­grif­fen in die Ver­samm­lungs­frei­heit (Arti­kel 8 des Grund­ge­set­zes) seit Bestehen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und höh­len damit ein ele­men­ta­res Recht völ­lig aus, das vom BVerfG als „ein Stück ursprüng­lich-unge­bän­dig­ter unmit­tel­ba­rer Demo­kra­tie, das geeig­net ist, den poli­ti­schen Betrieb vor Erstar­rung in geschäf­ti­ger Rou­ti­ne zu bewah­ren“ bezeich­net wur­de. Wei­ter­hin wider­spre­chen sie der Men­schen­wür­de (Art. 1), der Frei­heit der Per­son (Art. 2), schrän­ken die Mei­nungs­frei­heit (Art. 5) mas­siv ein, die das BVerfG als eines der vor­nehms­ten Men­schen­rech­te über­haupt bezeich­ne­te und rich­ten sich nicht zuletzt gegen die Pres­se­frei­heit. Die uns durch unse­re Ver­fas­sung gewähr­ten Rech­te las­sen wir uns nicht neh­men.

Wir for­dern:

  • Frei­heit für die poli­ti­schen Gefan­ge­nen von G20 und NAV-DEM/ATIK und Ein­stel­lung der Ver­fah­ren!
  • Ver­tei­di­gung des Demons­tra­ti­ons­rechts: Weg mit der Reform der §§ 113 u. 114 StGB!
  • Ver­tei­di­gung des Streik­rechts: Weg mit der „Tarif­ein­heit“!
  • Ver­tei­di­gung der Pres­se­frei­heit: Weg mit der Repres­si­on gegen Journalist*innen!
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