Der Kornilow-Putsch 1917

Der Kornilow-Putsch 1917

Einheitsfronttaktik als Gegenwehr?

Manuel Kellner

Regierungstruppen besetzen die Redaktion der Prawda. Foto: anton-dannat.de.

Regierungstrup­pen beset­zen die Redak­tion der Praw­da. Foto: anton-dannat.de.

Mit bewaffneter Repres­sion waren die rebel­lieren­den Arbei­t­erIn­nen und Sol­dat­en der Haupt­stadt Pet­ro­grad zurückge­drängt wor­den. Die Bolschewi­ki  wur­den ver­leumdet und unter­drückt, und die Pro­vi­sorische Regierung schien das Heft des Han­delns wieder in die Hand zu bekom­men.
Die Atem­pause für die von Keren­s­ki geführte Regierung kon­nte aber aus vie­len Grün­den nicht lange andauern. Der wichtig­ste Fak­tor dafür war der völ­lige Mis­ser­folg der beschlosse­nen kriegerischen Offen­sive. Vom 18. Juni bis zum 6. Juli 1917 fie­len nach Angaben des rus­sis­chen Haup­tquartiers alleine an der Süd­west­front 56.000 Mann. Als Ursache des Scheit­erns wurde die Tat­sache genan­nt, dass die Vorge­set­zten bis hin zum Ober­be­fehlshaber bei den Sol­dat­en kein­er­lei Autorität mehr genossen.

Keren­skis reak­tionäres Pro­gramm
Oberkom­mandieren­der der Armee war damals L.G. Kornilow. Er ent­pup­pte sich mehr und mehr als Kan­di­dat für einen Mil­itär­putsch. Dieser sollte nicht nur gegen die Räte, son­dern auch gegen die Pro­vi­sorische Regierung und die Feb­ru­ar- Rev­o­lu­tion richt­en. Sein extrem reak­tionäres Pro­gramm ver­wirk­lichte allerd­ings die Regierung Keren­s­ki in wichti­gen Teilen selb­st: Feldgerichte und Todesstrafe für Sol­dat­en, Erhöhung des Brot­preis­es um das Dop­pelte, Schutz der Groß­grundbe­sitzer vor Enteig­nun­gen, Vor­bere­itung der Räu­mung des rev­o­lu­tionären Pet­ro­grad, Zusam­men­ziehung von kon­ter­rev­o­lu­tionären Trup­pen um die Haupt­stadt Pet­ro­grad im Ein­vernehmen mit Kornilow.
Am 26. August schiebt Kornilow den schwank­enden Keren­s­ki bei­seite und führt Trup­pen gegen Pet­ro­grad. Die Bolschewi­ki sind zu dieser Zeit besten­falls eine hal­ble­gale Partei, von der Keren­s­ki-Regierung ver­fol­gt, die ihrer­seits von den Men­schewi­ki und Sozial­rev­o­lu­tionären gedeckt wird. Die Partei Lenins und Trotzkis zögert aber keine Sekunde, um mit ihren poli­tis­chen Gefäng­niswärtern gemein­same Sache gegen den Putsch-Gen­er­al zu machen. Noch im Gefäng­nis erteilt Trotz­ki ein­er Del­e­ga­tion Kro­n­st­städter Matrosen fol­gen­den Rat: „Legt Euer Gewehr auf die Schul­ter von Keren­s­ki und schießt auf Kornilow.“ Sie hät­ten näm­lich am lieb­sten gle­ichzeit­ig mit Keren­s­ki und Kornilow abgerech­net.

Vertei­di­gungskomi­tees gegen den Putsch
Über­all wur­den ein­heitliche Vertei­di­gungskomi­tees gebildet, in denen die bolschewis­tis­che Min­der­heit bald die führende Rolle spielte. Kornilows Putschver­such endete ohne viel Blutvergießen, weil ihm seine Sol­dat­en angesichts der Bre­ite des Wider­stands und der Aus­sicht, auf ihre Brüder und Kam­er­aden schießen zu müssen, nicht mehr gehorchen woll­ten.
Trotz­ki schrieb 1932 rück­blick­end: „In den let­zten August­ta­gen wurde Kornilow niedergeschla­gen, eigentlich nicht mit Waf­fenge­walt, son­dern durch die bloße Ein­mütigkeit der Massen. Sogle­ich nach dem 3. Sep­tem­ber schlug Lenin in der Presse den Men­schewi­ki und Sozial­rev­o­lu­tionären einen Kom­pro­miss vor: Ihr bildet die Sow­jet­mehrheit, sagte er ihnen. Nehmt die Macht, wir wer­den euch gegen die Bour­geoisie helfen; garantiert uns volle Agi­ta­tions­frei­heit, und wir gewährleis­ten euch friedlichen Kampf um die Mehrheit im Sow­jet! Die Men­schewi­ki und Sozial­rev­o­lu­tionäre lehn­ten den Kom­pro­miss ab, das heißt den neuer­lichen Vorschlag ein­er Ein­heits­front gegen die Bour­geoisie. Diese Ablehnung wurde in den Hän­den der Bolschewi­ki ein machtvolles Werkzeug für die Vor­bere­itung des bewaffneten Auf­s­tandes, der sieben Wochen später Men­schewi­ki und Sozial­rev­o­lu­tionäre hin­wegfegte.“ (Schriften über Deutsch­land, Band 1, S. 228)

aus der Oberhausener Beilage zur Avanti, Juni/Juli 2017.
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